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Heimkehr der PEKING im September 2020

Die Sensation

Es war soweit. Montag, der 7. September 2020 sollte in doppelter Hinsicht ein historischer Tag werden. DER Höhepunkt des Jahres wartete auf die Segelschiffsgucker in Deutschland:

Zum Einen sollte die Viermastbark PEKING nach 88 Jahren in der Fremde endlich zurückkehren nach Hamburg, dem Ort, an dem sie vor 109 Jahren bei Blohm & Voss gebaut wurde, der für Jahrzehnte ihr urprünglicher Heimathafen war und den sie immer wieder mit einer Ladung Salpeter aus Chile anlief.

Zum Anderen war die Überführung von der elbabwärts an der Stör gelegenen Peters Werft in Wewelsfleth, wo sie in den letzten drei Jahren professionell saniert wurde, zum Bremer Kai im Hansahafen in Hamburg wohlmöglich für viele Jahre die letzte Gelegenheit, das Schiff in offener Landschaft - wenn auch geschleppt und ohne Segel außerhalb der Stadt in Fahrt zu sehen.

Hunderte Enthusiasten stürmten daher schon vor Sonnenaufgang die Ufer der Stör und das Stör-Sperrwerk bei Wewelsfleth und haben trotz der gut vorbereitete Polizei am frühen Morgen für ein kleines Verkehrschaos gesorgt. Später kamen dann tausende Neugierige auf die Deiche entlang der niedersächsichen Seite der Unterelbe, vorallem zur fast fünfstündigen Pause auf der Reede Twielenfleth.

Sie alle wurden nicht enttäuscht:

Die PEKING auf dem Heimweg nach Hamburg etwa Höhe Lühe Fähranleger am 7.9.2020 © Andreas Zedler

Als die Schlepper die schon immer motorlose PEKING dann mit der nächsten Flut wieder in Bewegung setzten, wurden sie begleitet von einer ganze Flotte von Privatyachten, Hafenbarkassen und Traditionsschiffen wie ehemaligen Fracht- und Fischereiseglern, Dampfern, Bereisungsfahrzeugen, Lotsenbooten, Kümos und alten Hafenfähren.

Hoch emotional und oft mit Freudentränen in den Augen haben dann auch die Hamburger in der Stadt IHR Schiff wie ein verlorenen geglaubtes Kind ZU HAUSE willkommen geheißen. Wohlmöglich war es für viele mehr als nur Entschädigung für den abgesagten Hamburger Hafengeburtstag.

Subjektive Meinungen eines interessiert beobachtenden Laien

Warum die Rettung der PEKING in letzer Minute erfolgreich war

Nun soll sie also in Hamburg bleiben. Für immer. Als Flaggschiff eines noch zu erbauenden nationalen Deutschen Hafenmuseums. Nicht mehr zum Segeln aber wieder genauso wie in New York City als Museumsschiff.

Doch was für ein Unterschied!

Dort taugte die PEKING ohne jeglichen geschichtlichen Bezug zur Stadt für die Einwohner nicht als identifikationsstiftendes Wahrzeichen. Auch im übertragenen Sinne blieb der eigentlich imposante Viermaster unscheinbar klein vor der erdrückenden Front der riesigen Wolkenkratzer des "Big Apple". Mangels ausreichender Finanzierung blieb der originalgetreue Rückbau der während ihrer Zeit als stationäres Schulschiff ARETHUSA vorgenommener Umbauten und die Wiederherstellung von dabei verlorengegangner Ausrüstung und Möblierung unvollendet. Mit "blutenden Herzen" mußten die Mitarbeiter des Southstreet Seeport Museums miterleben, wie ihr Schiff nach kurzer Blüte wieder verottete.

Die PEKING am Ausrüstungskai der Peters Werft am 5.9.2020 zwei Tage vor ihrer Heimreise © Andreas Zedler

In Wewelsfleth wurde sie nun drei Jahre lang mit Hilfe vom Bund bewilligter 38 Mio. Euro deutscher Steuergelder auf der Peters Werft GmbH gründlichst saniert, weitestgehend originalgetreu in den Zustand um 1927 zurück versetzt und auf Hochglanz gebracht.

"Hamburger Viermaster" ist nicht zuletzt Dank eines bekannten, wenn auch wenig schmeichelhaften Shantys auch im Rest der Rebulik ein Begriff, so dass sich die PEKING wohl auch bundesweit als ideales Sinnbild für die Windjammer aus der letzten größen Blüte der Segelschifffahrt etablieren kann. Der wieder weitgehend originäre Zustand und der ebenso originäre Kontext "Hamburg Hafen" samt der medialen Aufmerksamkeit machen den Unterschied zum Schwesterschiff PASSAT aus. Das maritime Wahrzeichen am Priwall in Travemünde kann jedoch einen Teil der Erhaltungskosten zusätzlich zu den Zusschüssen der zuverlässigen Eigenerin Hansestadt Lübeck, Spendeneinahmen und dem Museumsbetrieb auch durch Übernachtungsmöglichkeiten und Vermietung für Feiern im extra dafür umgebauten Rumpf decken.

Die euphorisch Begrüßung der PEKING in Hamburg lässt hoffen, dass die neue Eignerin, die Stiftung Historische Museen Hamburg auch noch Jahre später für evtl. notwendige Griffe in die Stadtkasse den Rückhalt der Bürger finden wird, damit sie sich genauso so sorgsam um ihren "Hamborger Veermaster" kümmern kann, wie bisher die Stiftung Hamburg Maritim. Für das Flaggschiff eines dann nationalen Museums ist auch der Bund weiterhin in der Pflicht.

Was also ist letzlich in Hamburg anders als in New York City?

Meiner Meinung nach ist es schlicht der originäre Kontext, die sich daraus ergebende regionale und teils auch bundesweite Rolle als identifikationsstifftendes Wahrzeichen und damit die Bereitschaft der Bevölkerung und der von ihr gewählten Entscheidungsträger zu einen dauerhaften kontinuierlichen städtischen und staatlichem Zuschussbetrieb.

Die PEKING mit Hamburger Stadtflagge auf der Elbe kurz vor Hamburg am 7.9.2020 © Andreas Zedler

Manifestiert hat sich das im Engagement und Herzblut aller, oft eng mit der Hamburger Wirtschaft und Politik vernetzten Beteiligten (u.a. Stiftung Hamburg Maritim als Eignerin bis zum Ende der grundlegenden Restaurierungsarbeiten mit ihrem Projektleiter Joachim Kaiser; Freunde der Viermastbark PEKING e.V; die damaligen Hamburger Mitgliedern des Bundestag Johannes Kahrs und Rüdiger Kruse als Lobbyisten im Deutschen Bundestag; die Stiftung Historische Museen Hamburg als Eignerin seit Mai 2020; Ingenieurbüro Detlev Löll GmbH; Technolog Service GmbH; Peters Werft GmbH; Ben Lodemmann als Kapitän u.v.a.m.)

Warum ist die PEKING nicht segelklar saniert worden?

Ein Umbau der vorhanden Originalsubstanz und -konstruktion zum aktiven Segelschiff nach aktuellen Standards und Sicherheitsvorschriften wäre schlicht weder "denkmalsgerecht" noch "marktgerecht".

Defact wäre es wohl ein krampfhaftes Reinkonstruieren in das alte Korsett, eine unbezahlbare und sinnlose Quasi-Neubau-Friemelei unter weitestgehendem Austausch der Originalsubstanz. Auch Stahl ermüdet! Dann die zusätzlich einzupassende und z.T. regelmäßig zu erneuernde Ausrüstung: Es fehlen u.a. Schotten, moderne leistungsfähige Pumpen, Kabinen mit Sanitärzelle; ein Motor! Generatoren, Wassertanks, Treibstofftanks, Fäkalientanks, Leitungen, Rohre, Klimatechnik, Kühltechnik, eine Kombüse nach modernen Hygienestandards, eine Messe, Feuerlöscheinrichtungen, Bordelektrik, Navigationsgeräte inkl. Radar, Funktechnik, AIS, Rettungsboote und -flöße; eventuelle Modifikationen am Rigg aus Sicherheitsgründen usw. usf. Und: natürlich SEGEL samt zugehörigem Tauwerk (Schoten, Geitaue, Gordings, ...) und sicher auch ein Bugstrahlruder für Hafenmanöver. Und wahrscheinlich würde das dann am Ende noch nichtmal die Zulassung bekommen, weil Versicherungen und Klassifikationsgesellschaften evtl. ein Problem mit der Lage des Steuerstandes hätten ...

Nicht zuletzt stellt sich mir die Frage: Würde es für ein weiteres traditionell geriggtes Sailtrainingschiff in dieser Größeordnung in Deutschland überhaupt ganzjährig genug zahlungswillige aktive Mitsegler für einen kostendeckenden Betrieb geben? Denn wenn das Schiff nicht mehr im Hafen liegt: Warum sollten Stadt und Staat den Betrieb weiter finanzieren? Wäre dann nicht eher die Verwendung als Luxuskreuzfahrschiff realistischer? Spätestens dann kommt wohl nur noch ein kompfortabler Neubau mit automatisiertem Rigg für eine kleine, bezahlbare, platzsparende sowie an Deck nicht "störende" Besatzung in Frage.

Kurz vor dem Heimathafen erhalten die Cuxhavner Schlepper der PEKING Unterstützung:
Hamburger Schlepper gehen vorsorglich standby am 7.9.2020 © Andreas Zedler

Ein konsequent kompletter Neubau nach ungefährem Vorbild der PEKING mit vielen notwendigen Abweichungen auch im äußeren Erscheinungsbild wäre wesentlich preiswerter. Aber er wäre eben nicht die originale PEKING.

Trotz aller Segelträume war dies allen Beteiligten klar. So konnten sie zielgerichtet das Sanierungsziel "denkmalsgerechts Museum" verfolgen und damit ebenso konsequent auf eine Ertüchtigung zum aktiv fahrenden Segelschiff verzichten. Möglichst viel einer ansonsten auszutauschenden Originalsubstanz blieb damit erhalten. Dazu gehört auch die Beibehaltung einiger Gangspills, die hoffnungslos festgerostet sind. Eine vollständige funktionsfähige Restaurierung war unmöglich und eine Neuanfertigung weder bezalhbar noch denkmalsgerecht. Altersspuren durch Rostfraß, die die Sicherheit des fest liegenden Schiffes nicht gefährden, blieben am Rumpf deutlich unter dem Lack erkennbar.

Doch es gibt auch Kompromisse, vorallem hinsichtlich eines sicheren und behindertengerechten Museumsbetriebes (u.a. Elekrik, Beleuchtung, Fahrstühle, Treppen). Auch das Schweißen der Reparaturstellen statt Nieten gehörte zum Verzicht auf unangemessene, den Kostenrahmen sprengende Originalität. Und selbstverständlich verzichtete man auf den Wiedereinsatz von hochwirksamen aber ebendso giftigem Bleioxid (Mennige). Diese leuchtend orange Rostschutzgrundierung wurde unerwartet erst in der Werft in Wewelsfleth unter alten Farbschichten entdeckt und musste unter aufwändigen und teuren Gesundheitschutzmaßnahmen erst sachgerecht entfernt und entsorgt werden. Das verzögerte die Sanierung und trieb die Kosten in die Höhe.

Welche Rolle könnte das Museum und sein Flagschiff noch spielen?

Als typisches Transportmittel der Globalisierung ist die PEKING Beispiel für die Ambivalenz von Globalisierung und Fortschrittsglauben und somit geeignete Projektionsfläche und Ort für die Auseinandersetzung mit diesem Thema. Stichworte: Sailing Cargo Ships, Nachhaltigkeit, Schule der Genügsamkeit, Unmöglickeit eines grünen Wachstums, Emissionsvermeidung, "ökologischer Rucksack", Entfremdung des Menschen von der Produktion in digialisierter, automatisierter Industrie, Rückkehr zu handwerklicher, gesunder körperlicher sinnstiftender Arbeit ... usw. usf.

Die PEKING in Sichtweite der Hamburger Elbphilharmonie am 7.9.2020 © Andreas Zedler

Ein Blick über den Tellerand

Das mit sogar 141 Jahre noch wesentlich ältere, und einzige erhaltene Viermastvollschiff, zudem aus Eisen und nicht Stahl ist die FALLS OF CLYDE mit Liegeplatz in Honolulu auf Hawaii. Obendrein transportierte sie als Segelschiff paradoxerweise den Treibstoff ihrer umweltverschmutzenden Konkurrenten ud Nachfolger: Sie fuhr die meiste Zeit als Öltanker!

Sie hat damit noch mehr Alleinstellungsmerkmale und ist somit noch wesentlich wertvoller als die PEKING. Sie könnte die oben vorgeschlagene Rolle noch viel besser spielen; und zwar für Schottland und Port of Glasgow, wo sie gebaut wurde. Denn anders als Hamburg als ein Antreiber der Globalisierung ist die de-industrialisierte Region von Dundee und Port of Glasogow vom Nutznießer des liberalisierten Welthandels zum Opfer desselben geworden. Der ehemaliger Name der Stadt Newark (deutsch: Neuwerk) erhielt durch den Aufschwung als Erweiterung des Hafen- und Werftstandortes Glasgow in der mundartliche Ausprache "New Work" (deutsch: neue Arbeit) eine neue Bedeutung.

Aber ebenso sollte auch Honolulu als langjähriger Heimat- und Anlaufhafen sich weiterhin mit dem Schiff identifizieren können. Doch im Zuge der Rückbesinnung auf seine polynesische Geschichte hadert das Land z.Z. noch mit seinem neueren, negativ besetzten kolonialen Erbe. Nur eben nicht zwecks Verherrlichung sonders gerade als DENK-mal! und Stein des Anstoßes zur Kommunikation über Kolonialiserung und den negativen Folgen gewaltsamer Durchsetzung eines angeblich "freien" Welthandels könnten sich die Hawaiianer wieder mit Nr. 5 ihrer 33 offiziellen "Nationalen Historischen Wahrzeichen" versöhnen und ebenso die einzigartigen Navigationskünste ihrer polynesischen Vorfahren würdigen.

Leider sind die Ausgangsbedingungen für eine Rettung DIESES Schiffes ebenfalls in letzter Minute jedoch z.Z. wesentlich schlechter als bei der PEKING. Zwar bekam es wiederholt ebenfalls in letzter Minute eine Gnadenfrist. Eine Verschrottung ist aber nicht abgewehrt. Denn was ihr im Gegensatz zur PEKING fehlt: Identifikation.

Aber das ist eine andere Geschichte ...

 


erstellt: 13.09.2020; zuletzt geändert: 19.09.2020
© Andreas Zedler mail@andreas-zedler.de

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